Gesichter des Postgraduate Center
Michal Dvorecký, neuer wissenschaftlicher Leiter "Deutsch als Zweit- und Fremdsprache unterrichten"
Ab dem 1. Oktober 2026 übernimmt Dvorecký die wissenschaftliche Leitung. Sein Weg in das Fach DaF/DaZ begann mit einem Studium der Germanistik und Übersetzungswissenschaft in Nitra, Slowakei, und führte über internationale Erfahrungen zur Frage: Wie kann man Sprache eigentlich gut vermitteln?
Seitdem hat Dvorecký Deutsch in sehr unterschiedlichen Kontexten erlebt: an einer Mittelschule, an der Universität und als Lektor am Österreich Institut in Bratislava. Einer der ungewöhnlichsten und zugleich spannendsten Lernorte war für ihn eine Justizvollzugsanstalt. Gerade solche Erfahrungen zeigen laut Dvorecký, wie unterschiedlich die Zielgruppen, ihre Voraussetzungen und ihre Motivation sein können – und wie vielfältig Sprachvermittlung deshalb sein muss.
Heute ist er als Senior Lecturer und Studienprogrammleiter am Institut für Germanistik der Universität Wien tätig. Zu seinen fachlichen Schwerpunkten zählen insbesondere die Grammatikvermittlung, die Lehrwerkanalyse und Lehrwerkforschung sowie Berufs- und Fachsprachen.
In der diesmaligen Ausgabe von Gesichter des Postgraduate Center sprechen wir über seinen persönlichen Weg zu DaF/DaZ, seine fachlichen Schwerpunkte und seine Perspektiven auf die kontinuierliche Entwicklung des Unterrichts von Deutsch als Zweit- und Fremdsprache.
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1. Was fasziniert Sie persönlich am Fachbereich Deutsch als Zweit- und Fremdsprache?
Dass dieses Fach so viele Welten miteinander verbindet. Denn Deutschlernen kann ganz Unterschiedliches bedeuten: Für ein Kind sind es vielleicht die ersten Wörter in einer neuen Sprache, für Jugendliche ist Deutsch Teil ihres Bildungswegs, für internationale Studierende der Schlüssel zum Studium und für Erwachsene eine wichtige Voraussetzung, um möglicherweise beruflich neue Wege zu gehen.
Entsprechend vielfältig sind auch die Orte, an denen Deutsch gelernt und vermittelt wird: in der Schule und an der Hochschule, in der Alphabetisierung, in Integrationskursen oder in der beruflichen Sprachbildung. Jede dieser Situationen bringt andere Voraussetzungen, Bedürfnisse und Ziele mit sich und verlangt deshalb auch andere Antworten von uns als Lehrenden und Forschenden.
Genau darin liegt für mich der besondere Reiz von DaF/DaZ: Das Fach beschäftigt sich nicht nur mit Sprache, sondern immer auch mit den Menschen, die diese Sprache lernen und verwenden. Es verbindet sprachwissenschaftliche und didaktische Fragen mit Bildung, Beruf und gesellschaftlicher Teilhabe. Und es bleibt in Bewegung: Neue Zielgruppen, neue Lernkontexte und neue gesellschaftliche Entwicklungen verändern auch die Anforderungen an die Sprachvermittlung. Das macht DaF/DaZ für mich zu einem Fach, in dem es immer wieder Neues zu entdecken gibt und in dem wissenschaftliche Erkenntnisse ganz unmittelbar etwas in der Praxis bewirken können.
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2. Warum ist professionelle Ausbildung im Bereich Deutsch als Zweit- und Fremdsprache heute besonders wichtig?
Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache zu unterrichten bedeutet heute weit mehr, als sprachliches Wissen zu vermitteln. Lehrende arbeiten mit Menschen, die unterschiedliche Sprachen, Bildungsbiografien, Lernerfahrungen und Ziele mitbringen. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, Mehrsprachigkeit und neue gesellschaftliche Anforderungen die Bedingungen des Sprachenlernens. Diese Vielfalt macht das Berufsfeld besonders spannend, verlangt von Lehrenden aber auch ein hohes Maß an Professionalität. Es reicht nicht, eine Sprache gut zu beherrschen, um sie auch gut vermitteln zu können. Gefragt sind fundiertes Wissen über Spracherwerb und Didaktik, methodische Kompetenz und die Fähigkeit, auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen flexibel zu reagieren.
Eine professionelle Ausbildung schafft dafür die Grundlage. Sie hilft Lehrenden, nicht nur intuitiv zu handeln, sondern Unterricht bewusst zu planen, Entscheidungen fachlich zu begründen und das eigene Handeln kritisch zu reflektieren. Genau darin sehe ich den Kern von Professionalisierung: aus Erfahrung und Fachwissen eine reflektierte Unterrichtspraxis zu entwickeln, die auch neuen Herausforderungen gewachsen ist.
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3. Was bedeutet für Sie persönlich guter Deutsch-als-Zweit- und Fremdsprachenunterricht?
Guter DaF/DaZ-Unterricht zeigt sich für mich spätestens dann, wenn die Sprache den Unterrichtsraum verlässt. Wenn Lernende das, was sie gelernt haben, tatsächlich nutzen können, z.B. im Studium, im Beruf oder ganz einfach im Alltag. Dafür muss Unterricht bei den Menschen beginnen: bei ihren sprachlichen Voraussetzungen, ihren Erfahrungen und vor allem bei ihren Zielen. Grammatik, Wortschatz und Aussprache sind dabei wichtige Bausteine, aber kein Selbstzweck. Entscheidend ist, daraus sprachliche Handlungsfähigkeit entstehen zu lassen.
Und vielleicht gehört zu gutem Unterricht auch, dass nicht immer alles nach Plan läuft. Wenn Fragen entstehen, neue Wege ausprobiert werden und Lehrende ebenso neugierig bleiben wie ihre Lernenden. Genau dann wird aus Sprachunterricht ein echter Lernraum.
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4. Welche Themen und Entwicklungen beschäftigen das Fach aktuell besonders?
Gibt es Entwicklungen, auf die Lehrende im Bereich DaZ/DaF heute besonders gut vorbereitet sein sollten?DaF/DaZ findet heute in einer sprachlichen Realität statt, die vielfältiger ist denn je. Mehrsprachigkeit ist längst keine Ausnahme, sondern Normalität und damit auch eine wertvolle Ressource für das Lernen. Gleichzeitig beschäftigen uns Fragen der Bildungsgerechtigkeit: Wie können wir Lernräume schaffen, in denen unterschiedliche sprachliche und soziale Voraussetzungen nicht zu Barrieren werden? Hinzu kommt die Digitalisierung, die das Sprachenlernen grundlegend verändert. Und schließlich begegnen Lernende außerhalb des Unterrichts nicht nur dem Standarddeutschen aus dem Lehrbuch, sondern einem ganzen Spektrum zwischen Dialekt, Umgangs- und Standardsprache.
Für mich geht es deshalb vor allem darum, Lehrende auf diese Vielfalt vorzubereiten und ihnen das Rüstzeug mitzugeben, neue Entwicklungen nicht nur mitzumachen, sondern sie didaktisch sinnvoll und kritisch zu gestalten.
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5. Was macht für Sie persönlich die Arbeit mit Menschen aus unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Hintergründen besonders spannend? Gibt es eine Erfahrung aus Ihrer bisherigen Tätigkeit, die Ihre Sicht auf das Lehren und Lernen von Sprachen besonders geprägt hat?
Sprachunterricht ist für mich immer auch Begegnung: mit anderen Sprachen, Perspektiven und Lebensgeschichten. Besonders eindrücklich habe ich das erlebt, als ich Deutsch in einer Justizvollzugsanstalt unterrichtete. Hinter verschlossenen Türen und unter Bedingungen, die mit einem klassischen Unterrichtsraum wenig gemeinsam hatten, bekam Sprache plötzlich eine ganz andere Bedeutung: Sie war nicht nur Lernstoff, sondern ein Stück Verbindung zur Welt außerhalb. Dort habe ich verstanden, wie stark Motivation, Lebenssituation und persönliche Ziele das Sprachenlernen prägen. Diese Erfahrung begleitet mich bis heute und erinnert mich immer wieder daran, dass guter Sprachunterricht nicht beim Lehrbuch, sondern beim Menschen beginnt.
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6. Gibt es bestimmte Schwerpunkte, die Sie in ihrer Tätigkeit als wissenschaftlicher Leiter besonders beachten werden?
Mir ist besonders wichtig, dass das Programm am Puls des Faches bleibt und zugleich einen starken Bezug zur Unterrichtspraxis behält. Dazu gehören für mich Themen wie Mehrsprachigkeit und Heterogenität, Berufs- und Fachsprachen, Grammatikvermittlung sowie ein reflektierter Umgang mit digitalen und KI-gestützten Lernwelten. Ein weiterer Schwerpunkt soll die kritische Auseinandersetzung mit Lehr- und Lernmaterialien sein – gerade in einer Zeit, in der Materialien zunehmend auch digital und KI-gestützt entstehen. Vor allem möchte ich aber eine Kultur fördern, in der wissenschaftliche Erkenntnisse nicht im Seminarraum bleiben, sondern ihren Weg in die konkrete Unterrichtspraxis finden.