Philosophische Praxis
Die Bedeutung von Philosophie im Alltag mit Katharina Lacina
Katharina Lacina über die Bedeutung von Philosophie im Alltag
Katharina Lacina ist Philosophin und wissenschaftliche Koordinatorin des Programms “Philosophische Praxis” hier am Postgraduate Center. Außerdem arbeitet sie an der Universität Wien im Bereich Ethik und Philosophiedidaktik.
Philosophie spielt für sie jedoch nicht nur im theoretischen Arbeitskontext eine große Rolle, sondern begleitet und unterstützt sie auch in den unterschiedlichsten Alltagssituationen.
Im neuen ‘Gesichter des Postgraduate Center’ sprechen wir mit ihr über die Bedeutung der Philosophie im Alltag, über Philosophie als Stütze in unsicheren Zeiten und über die Kraft des Dialogs.
1. Hat Sie die Philosophie schon früh begleitet, und wie hat sich Ihr Verständnis des Fachs im Laufe der Jahre verändert?
Ja, die Philosophie hat mich ab der Mitte meiner Zwanziger begleitet. Ich bin über mein Studium und vor allem durch meinen akademischen Lehrer Konrad Paul Liessmann zur Philosophie gekommen. Bei ihm habe ich nicht nur gelernt, philosophische Texte präzise zu lesen und kritisch zu denken, sondern auch, Philosophie stets mit der Gegenwart zu verbinden, – sie nicht als rein historisches oder abstraktes Fach zu verstehen, sondern als eine lebendige Kraft, die auf unsere aktuelle Wirklichkeit antwortet. Heute ist Philosophie ist für mich keine reine Hörsaalangelegenheit, sondern eine Haltung und eine Methode, die unmittelbar mit Lebensführung, mit Beziehungen zu anderen Menschen und mit konkreten existentiellen Fragen verknüpft ist.
Es geht mir inzwischen darum, philosophisches Denken in den Alltag, in Beratungskontexte und in gesellschaftliche Diskurse hineinzutragen – als Werkzeug zur Klärung von Lebensfragen, zur Schärfung der Urteilskraft und zur Förderung einer reflektierten Existenz.
2. Im Lehrgang Philosophische Praxis steht die Verbindung von Reflexion und konkretem Handeln im Mittelpunkt. Wie würden Sie die Bedeutung von Philosophie im Alltag erklären?
Viele Menschen erleben Philosophie zunächst als abstrakt und weit entfernt vom Alltag. Philosophie im Alltag bedeutet für mich, aus dem Konkreten heraus zu denken. Sie hilft uns, klarer zu sehen, was wirklich wichtig ist – sei es in beruflichen Entscheidungen, in Beziehungen oder bei persönlichen Krisen. Durch kritisches Nachdenken und gezielte Reflexion gewinnen wir mehr Klarheit, Gelassenheit und Orientierung. Man lernt, Abstand zu nehmen von automatischen Reaktionen und den eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Gleichzeitig ermöglicht sie ein tieferes Verständnis der Zeit, in der wir leben, und der gesellschaftlichen Dynamiken, die uns prägen.
3. Gibt es eine philosophische Denkrichtung, eine Theorie oder einen philosophischen Ansatz, der Sie persönlich besonders geprägt hat oder Sie in Ihrer Arbeit immer wieder begleitet?
Ja, es gibt mehrere philosophische Ansätze, die mich geprägt haben und mich bis heute begleiten. Aus der Antike hat für mich besonders Aristoteles nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Ebenso begleitet mich die Stoa mit ihrer klaren Haltung zur inneren Freiheit und Gelassenheit inmitten äußerer Umstände. Ein weiterer Begleiter ist Spinoza, den ich als beeindruckenden Systematiker schätze. Seine Idee einer rationalen Lebensführung und seine Ethik der Affekte haben mein Denken nachhaltig geformt. Daneben schätze ich Denker, die sich klassischen Schubladen entziehen, wie Montaigne mit seiner essayistischen und persönlichen Haltung, sowie Günther Anders und Jean Améry, deren scharfe Zeitkritik und existentielle Reflexionen Schatzkiste und manchmal Zuflucht sind. Moderne Tugendethikerinnen wie Philippa Foot und Rosalind Hursthouse passen auch hervorragend zur praktischen Ausrichtung der Philosophischen Praxis.
4. Viele Menschen erleben die Gegenwart als von Unsicherheit geprägt – sei es im Hinblick auf Arbeit, Wohnen, Klimawandel oder globale Krisen. Welche Orientierung oder Unterstützung kann philosophisches Denken in solchen Zeiten bieten?
Ja, Unsicherheit ist ein großes Thema. Philosophisches Denken bietet hier keine absoluten Sicherheiten, aber eine wertvolle Orientierung.
Bereits Heraklit lehrt, dass ständiger Wandel Grundzug der Wirklichkeit ist. Sicherheit entsteht nicht durch Festhalten, sondern durch das Verständnis der gesetzmäßigen Ordnung dieses Wandels. Die Stoa zeigt praktisch, wie wir innere Freiheit gewinnen: indem wir unterscheiden, was in unserer Macht steht – unser Urteil und unsere Haltung – und was nicht. Die „innere Burg“ des Geistes bleibt auch in äußerer Volatilität stabil. Kierkegaard versteht Angst als „Schwindel der Freiheit“, der uns zur authentischen Entscheidung herausfordert. Und Hannah Arendt erinnert daran, dass menschliches Handeln immer unvorhersehbar ist – gerade daraus erwächst die Möglichkeit, Neues zu beginnen und Verbindlichkeit zu schaffen.
5. Philosophische Praxis lebt vom Dialog. Was macht für Sie ein gutes philosophisches Gespräch aus, und wodurch kann es neue Perspektiven eröffnen?
Philosophische Praxis lebt tatsächlich vom Dialog. Für mich zeichnet sich ein gutes philosophisches Gespräch dadurch aus, dass es ein geschützter, wertschätzender Raum ist, in dem Fragen, Zweifel und Überzeugungen offengelegt werden können, ohne bewertet oder sofort „gelöst“ zu werden. Es geht darum, gemeinsam genau hinzuschauen: Welche Annahmen leiten mich eigentlich? Welche Begriffe verwende ich unbemerkt? Wo klafft eine Lücke zwischen dem, was ich denke, und dem, wie ich lebe? Ein gutes Gespräch ist dabei zugleich achtsam und herausfordernd – es stärkt die Bereitschaft, liebgewonnene Gewissheiten zu hinterfragen. Darin liegt seine Kraft, neue Perspektiven zu eröffnen: Plötzlich wird sichtbar, was bisher im blinden Fleck lag. Man kann alternative Deutungsmöglichkeiten entdecken, innere Distanz zu automatischen Reaktionen gewinnen oder eine klarere, persönlich stimmige Haltung finden. Ein gutes philosophisches Gespräch verändert nicht immer die äußere Situation – aber es verändert häufig, wie wir darinstehen. Und das ist oft der entscheidende erste Schritt.
6. Welche beruflichen Perspektiven und Einsatzfelder eröffnet der Lehrgang Philosophische Praxis seinen Absolvent*innen?
Der Lehrgang Philosophische Praxis eröffnet Absolvent*innen vielfältige berufliche Perspektiven, weil er eine einzigartige Verbindung aus philosophischer Tiefenschärfe und praktischer Anwendungskompetenz vermittelt.
Viele Absolvent*innen arbeiten als selbstständige philosophische Praktiker*innen und bieten Einzel- oder Gruppengespräche, Workshops oder Seminare an. Andere integrieren die philosophische Kompetenz in ihre bestehenden Berufsfelder: in der Erwachsenenbildung, Supervision, Coaching, Organisationsentwicklung, im Gesundheits- und Sozialbereich oder in der Unternehmensberatung.
Besonders wertvoll ist die Befähigung, in unklaren, wertebeladenen oder hochkomplexen Situationen klar zu denken, gute Fragen zu stellen und Menschen dabei zu unterstützen, selbstbestimmte Haltungen zu entwickeln. Deshalb finden Absolvent*innen auch in Bereichen wie Ethikberatung, politischer Bildung, Hospiz- und Trauerbegleitung oder in innovativen Formaten der Kultur- und Bildungsarbeit spannende Einsatzmöglichkeiten.
Der Lehrgang qualifiziert nicht für einen einzigen Beruf, sondern erweitert die eigene berufliche Identität um eine philosophische Dimension – mit der Fähigkeit, dort anzusetzen, wo rein fachliches oder psychologisches Wissen allein oft nicht mehr ausreicht.